Das Phänomen Farbe als Erweiterung der Architektur

Walter Titz Das Phänomen Farbe als Erweiterung der Architektur KLEINE ZEITUNG Lunedì 5 gennaio 1998

96/03.10 Kleine Zeitung -DE

Der Farbspezialist Jorrit Tornquist schaut zuerst ganz genau hin, bevor er mit einen Konzepten im öffentlichen Raum so markante wie subtile Zeichen setzt.

Lange wurde auf politischer Ebene debattiert. Nun aber wächst sie unaufhaltsam: Europas größte Müll verbrennungs- und Energiegewinnungsanlage. Fährt man die A4 zwischen Venedig und Mailand, ist der gewaltige Baukörper auf Höhe Breseia nicht zu übersehen. Auch nicht sein 120 Meter hoher Schlot. Recht eigentlich ein quadratischer Turm, der auch eine Antwort auf das - höchste Gebäude der norditalienischen Stadt ist, auf Breseias "Crystal Palace" Wohn und Geschäftszentrum mit seinem 110 – Meter Wolkenkratzer. Die ästhetische Einbindung des Kolosses ins Umfeld war eine wichtige Frage. Weshalb sich die Planer der Anlage Francesco Berluechi und Lamberto Cremonesi aus Brescia, Massimo Gozzoli aus Genuaan einen Experten wandten: den seit dreißig Jahren in der Lombardei lebenden Grazer Jorrit Tornquist. Forscher. Tomquist, als Maler ein phantasievoller Erforscher sinnlicher Wahrnehmung, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als Farbkonzeptionist ersten Ranges positioniert. Von Färbelungsplänen für ganze Stadtteile (etwa in Turin) bis zur subtilen Farbgebung intimer Innenräume reicht die Palette der Arbeiten. In Graz sorgte Tomquist zuletzt durch seine markante Kolorierung des Jakominiplatzes für Debatten. Keill Dekor. Dem Autor mehrerer Bücher über das Phänomen Farbe, Akademielehrer in Mailand und Bergamo sowie Lehrbeauftragten an der TU Graz ist es dabeinie um Behübschung zu tun. Zwar setzt Tomquist Farbe manchmal ein, um architektonisches Volumen zu relativieren, unter Umständen sogar verschwinden zu lassen. Um Dekor im Geist hundertwässrigen Kunstgewerbes geht es nie. Im Idealfall ist Farbe ein Mittel der Architekturkonstruktion, weshalb Tornquists Entwicklungen nicht mit Kunst am Bau Beiträgen zu verwechseln sind. Im Atelier in den Bergen über der Kleinstadt Cisano Bergamasco führt Tomquist anhand eines Modells die Logik seiner Arbeit vor. Eine Logik, die auch seinem künstlerischen Werk seit jeher immanent ist, weshalb das Wort "ricerca", Recherche, ein Schlüsselwort ist: Auch den Bildern und Objekten des 59jährigen liegen klare Konzepte zugrunde, die oft im immensen biologischen Wissen des passionierten Gärtners wurzeln. Im Fall des aktuellen Projekts war Tornquist neben den Vorgaben der Architektur das Studium des Himmels über Brescia wichtig.
Logik. "La torre", der Turm der Anlage, wird als klar sichtbares Zeichen die Farbtöne dieses lombardischen Himmels widerspiegeln. Blau und Grüntöne dominieren den restlichen Bau, Rot und Gelb markieren besondere Gebäudezonen. Wieder geht es um Logik: "Ein gutes Gebäude ist ein gutfunktionierender Organismus, da braucht man nichts verstecken, nichts mit Farbe überdecken."