Farbe in der Stadt

Jorrit Tornquist Farbe in der Stadt Politicum maggio 1984

79/01.22 Politicum -DE

Manchesmal, wenn Nebel in der Ebene liegt, geschieht mir Wunderbares:-Ich steige in der hügeligen Brianz, die Landschaft südlich des Comer Sees, vom Sonnenglanz und Schillern meiner Vögel Abschied nehmend, in die altertümliche Lokalbahn nach Mailand und bald die Ebene erreichend, tauche ich in einen Tunnel aus Nebel. Im Nebel noch wechsle ich auf die Metropolitana Milanese um und steige am Domplatz wieder zur Sonne empor. Der gleiche Sonnenglanz, das Schillern der Vögel haben hier die Frauen übernommen, die Hügel haben sich in Architektur verwandelt. Gewachsenes steht gegen Gebautes, Künstliches gegen Natürliches. Zwei Räume die erfreuen und sich als Gegensätze steigern. Nicht immer aber verdeckt Nebel den Übergang und aus dem Erleben von Utopie wird Realität, aus dem ewigen Paradies vergängliche Wirklichkeit. Dort, wo die Hügellandschaft in die Ebene übergeht, werden aus den Hügel Abfallhalden, zwischen ihnen hin und wieder grüne Oasen von Schrebergärten, die sich allmählich in Sümpfe wandeln. Die ersten Wohnsilos erscheinen-hin und wieder noch ein gelbblättriger Baum-, durchsetzt mit Industrieanlagen und dem Lehmboden einstiger Äcker, der inzwischen eingewachsenen Agrardörfer, die sich zu reinen Industriezonen entwickelten. Von nun an quält sich ein kontinuierliches Straßennetz durch die alte Peripherie aus Wohnblocks, denen dann Villen mit verstaubten Gärten folgen, über die Peripherie der Jahrhundertwende, langsam bis zum Zentrum durch. Dieser breite Gürtel macht ca. 90°70 der verbauten Fläche einer heutigen italienischen Stadt aus. Ich frage mich, was das Fluidum einer Stadt ausmacht, hat heute ein Quartier, eine Zone noch etwas mit dem Altstadtkern gemein? In einer Zeit kultureller Unsicherheit, in der Stadtzentren immer mehr zu Museen oder Theater für Touristen werden-Visiten-karten einer ruhmreichen Vergangenheit, die Probleme der Gegenwart überspielend, die sich außerhalb dieser von Denkmalamt und Stadtvätern fest im Griff gehaltenen Gegend manifestieren. Die Peripherie, die Außenbezirke, sind heute die Kampfplätze, wo die Spanungen sozialer, ethnischer, ideologischer Natur, ausgetragen werden. Diese Spannungen erzwingen Kreativität, die in den Außenbezirken, solange nicht auch hier Denkmalämter ihre Hand darauflegen, ihren Ausdruck finden kann. Werte werden geformt, vernichtet, umgeformt-als Zone des "work in progress" läuft sie kaum Gefahr zu erstarren. Sind die Plätze der Peripherie die Kampffelder aktueller Spannung, so werden die Ideologien jeweils in den Bürgersalons, den Plätzen des Zentrums, verkündet, um an Starre dortselbst zu sterben. Die Peripherie aber bleibt in Spannung. Die Spuren von pulsierendem Leben sind jene Zeichen, Reize, die uns eine Identifikation ermöglichen, sich uns, wo wir leben und arbeiten, zu Hause fühlen zu lassen. Fehlen diese Elemente wie in den "nouvelles villes" oder "Satelitenstädte", so werden diese reine Schlafstätten, die das Gefühl von Ausgeschlossensein erwecken und somit Brutstätten des Verbrechens werden. Das Fluidum einer Stadt teilt uns im Erleben mit, wie sie selbst gelebt wird. -Das aber erleben zu können heißt sich eingliedern zu können, geistig und seelisch; sich in und an ihr orientieren zu können. Um einen Raum aber erfassen zu können, müssen seine Elemente den Funktionen entsprechend artikuliert sein. Jedes Element muß als solches lesbar sein, und umso wichtiger eine Einrichtung ist, desto schneller muß sie erkannt und zugeordnet werden können. Die Stadt müßte eine Maschine sein, die die Bedürfnisse der Bürger befriedigt, sie leicht ihren Pflichten nachgehen lassen kann. Aber Achtung: Bedürfnisse sind auch Dinge, die erst jeweils im Werden sind, Dinge, die nicht gerne eingestanden werden, Notwendigkeiten, die noch nicht bewußt sind, hier muß genügend Freiraum bleiben. Kurz rückblickend auf die Entwicklung der Orientierungsfunktion der Farbe, will ich versuchen, die Farbsignale, die es in der Stadt gibt, einander zuzuordnen. Einige der Farbnormierungen, wie jene für Erste Hilfe, Taxi, Telefon etc.... wären wohl international festzulegen, da es ja einen Stadtfremden schwerer fällt, diese Einrichtungen aufzufinden. In Österreich einreisend, ist es mir immer erst möglich ein Taxi zu finden, nachdem mir bewußt wird, daß hier die Taxis nicht gelb sind. Gerade in Momenten extremer Notwendigkeit hält man aber vor dem Umdenken nach Gewohntem Ausschau. Da wir farbsehende Wesen sind (und dies gerade, um uns leichter zurechtzufinden), warum sollte dieses primäre Orientierungsmittel nicht voll eingesetzt werden-Farben können auch so gewählt werden, daß selbst farbuntüchtige Personen sie unterscheiden können. In einer Welt ohne Farbe wäre es schwierig sich zurechtzufinden, allzuviele Dinge, Situationen erkennen wir mittels Farbe, ordnen sie ihr zu und reagieren über Farbe auf sie. Die Sinne entwickelten sich nach der Notwendigkeit, die Umwelt besser und detailierter erfassen zu können. Die als Elemente erkannten Einheiten mußten unterschieden und zugeordnet werden, um die Umwelt besser in den Griff zu bekommen. Es wurde notwendig, immer mehr Signale zu empfangen und sie richtig zu verarbeiten. In diesem ständigen Abtasten der Umwelt nach Signalen differenzierten und sensibilisierten sich die Sinne immer mehr. Farbsehen war eine der folgerichtigen Antworten unseres Organismus auf die Strahlung, die auf ihn einwirkte, ihn unbewußt beeinflußte. Mit dem Farbsehen wurden diese Reizmomente dem Bewußtsein zugänglich, wenn auch die Farbreizverarbeitung vorwiegend unbewußt blieb. Dieses im Lauf der Zeit immer genauere Rückbeziehen von Erlebnis auf Farbe, wie von Farbe auf Erlebnis, führte zur Ausbildung allgemeingültiger Farbzeichen, die als Spielregeln das Zusammenspiel verschiedenster Lebensformen regeln. Ein Teil dieser Spielregeln ist bereits erbliches Potential, der Rest aber muß jeweils aufs Neue erlernt werden. Dieses Spiel des Signale-Sendens-Empfangens-Verarbeitens- und Rücksendens, ließ uns unsere jeweilige Umwelt begreifen und zur Heimat werden. Als Folge davon begannen auch wir, Orte, Dinge, Situationen, Zuordnungen zu markieren und zu kennzeichnen sowie Selbstgeschaffenes dem Bestehenden ein- und zuzuordnen. Je mehr die von uns erwartete Reaktion, Empfindung, mit der automatisch ans Farbsignal gebundenen übereinstimmt, desto direkter und fehlerfreier ist unsere Reaktion auf das von uns gesetzte Signal. Ist aber die Übereinstimmung gering, so muß über Fehler-negative Erfahrungen-das Signal erlernt werden. Die notwendige erste Fehlinterpretation muß aber das Überleben des Lernenden garantieren, denn ohne diese Garantie fällt der Lernprozeß ins Leere. Wir, wie auch Tiere, erlernen Gelb-Schwarz als Achtungssignal vor Gefahr; einmal müssen wir von einer Wespe gestochen werden, Schmerz empfunden haben, aber mit dem Leben davonkommen. Sonst wäre weder uns noch den Wespen genützt. Eine "gutgetarnte" Ampel aber kann tödlich sein, ein individueller Lernprozeß findet nicht statt, ein gesellschaftlicher nur dann, wenn der Verlust des Individuums für die Gesellschaft schmerzhaft ist. Ist dem so, wird das Signal verändert werden, gelb gefärbt und nicht in Bäumen versteckt. Dies aber findet erst statt, wenn die Zahl der verlorenen Individuen das Funktionieren der Gesellschaft in Frage stellt— oder aber ein Individuum sich verantwortlich fühlt. Da aber ein gesellschaftlicher Lernprozeß einem Sozialstaat teuer kommt, wäre es besser, gleich Signale zu schaffen, die unseren Mechanismen der Reaktion auf Farbe entsprechen. Reaktion auf Farbe ist unmittelbar, Reaktion auf Form mittelbar, das heißt, sie muß erst bewußt erlernt werden und somit läuft auch die Reaktion auf sie über das Bewußtsein. Form eignet sich deshalb für kulturelle Signale -sprechen wir doch auch von Kultur- formen, Verhaltensformen, etc. Stellen wir uns vor, der Verkehr wäre mittels geometrischer Formen geregelt, Ampeln haben Dreiecke, Kreise und Quadrate, so erkennen wir sofort den Unterschied von Form und Farbe als verhaltensauslösendes Element.
Die Farbfunktionen als Signale könnte man in drei Gruppen einteilen:
A. Objektkennzeichen
B. Verhaltenshinweise
C. Orientierungszeichen, Orientie- rungshinweise.
Diese drei Gruppen sind anderen Gruppen zu überlagern:
1. Signale unmittelbarer Wichtigkeit
2. Signale von Wichtigkeit
3. Signale visiver Ordnung
4. Zeichen der Identifikation
5. Orientierung
6. Geheimzeichen
7. Persönliche Identifikation (siehe Tabelle).

Ich will eine kurze Ableitung und Aufstellung der Signale im urbanen Bereiche versuchen. Natürlich ist Farbe nur ein Teil der "software" einer Stadt, und zwar der der Orientierung dienende Teil. Eine Stadt benutzen zu können, reicht, wie ihr ästhetischer Aspekt, aber noch nicht aus, um Leben in sie zu bringen. Mailand und Rom versuchen dies mit Volksbelustigungen, Turin mit Ästhetik und Funktion. Handelsstadt-politische Stadt-industrielle Stadt. 1979 wurde ich von der Stadt Turin beauftragt, als Farbberater zusammen mit Prof. Brino einen Farbwidmungsplan zu erstellen. Dieser Plan sollte sich auf die von den Arch. Zanetta, Tagliasacchi, Jelminetti und Tropea in ihren Diplomarbeiten 1978 ermittelten Farbpläne der Stadt, die ab 1880 erstellt wurden, beziehen. Der erste Teil wurde unter französischer Herrschaft, der zweite während der Restauration der Savoyer erarbeitet. Die Architekten konnten (außer Tropea) für eine Zusammenarbeit gewonnen werden. Es ging darum, diese alten Farbpläne wiederzubeleben und der Stadt, die im dazwischenliegenden Jahrhundert eine vergilbte Patina angenommen hatte, ihre fröhliche Erscheinung wiederzugeben. Bald aber gab es Spannungen mit dem Denkmalamt, das meiner Meinung nach zurecht behauptete, man könne nicht Gebäuden oder Plätzen, deren Ursprung viel älter ist, einen erst später erstellten Farbplan überziehen. Spannungen gab es auch innerhalb der Equipe selbst. Brino begann die Diplomarbeiten seiner Studenten als seine eigene auszugeben, eine in Italien fast übliche Erscheinung, und sich selbst als Färbler zu betätigen. Gebäude die zu färbeln waren, verheimlichte, was leicht war, da ich nur ein- bis zweimal die Woche nach Turin fuhr. Das Resultat, für das letztlich ich gutstehen mußte, war so katastrophal, daß ich nach einem Jahr, in dem 600 Bauten gefärbt wurden, meine Tätigkeit zurücklegte. Farbe sollte meiner Meinung nach, außer ihrer Erscheinung, auch andere Funktionen haben, wie das "Leichtermachen" von Aufstockungen, um die ursprüngliche Proportion der Gebäude wieder herzustellen, um durch Zubauten nicht die Einheit zu stören—eine Technik, die ja bei jeder Restauration heute angewandt wird. Ferner um enge Straßen heller zu machen. Aber die Zeit für ein kreatives Arbeiten war noch nicht reif. Ich begann mich anderen Arbeiten für die Stadt Turin zuzuwenden, bei denen Kreativität möglich war. So begann ich Farbpläne für die sozialen Wohnbauten, die rund um Turin gebaut wurden zu erstellen. Leider fehlte jedes urbanistische Konzept und diese Bauten standen wahllos auf verwahrlosten Äckern, jeder einzelne eingezäunt, bar jeder Zuordnung. Für eine urbanistische Planung war, da kein Interesse, auch kein Geld vorhanden, ging es doch darum, mit möglichst vielen Wohnungen möglichst viele Wählerstimmen zu gewinnen. Ich versuchte je nach Gegend verschiedene perzeptive, und farbige Schemata zu finden, um wenigstens irgendeine Zuordnung zu schaffen. Bei privaten Aufträgen von Wohnbau- genossenschaften und der Industrie, gelang mir endlich eine durchgreifende Gestaltung, die die Landschaft und die Gärten miteinbezog. Diese Beispiele waren in der Stadt nicht übersehbar und die Stadt Turin bat mich 1982 meine Tätigkeit als Farbberater wieder aufzunehmen. Ich nahm das Angebot, nachdem meine Forderungen, das Zentrum auszuklammern und die Architekten Tagliasacchi, Zanetta und Jelminetti als Mitarbeiter zu bekommen, akzeptiert worden waren, an. Das Ziel war nicht mehr, einen statischen Farbplan zu entwickeln, sondern neue Färbelungsmodelle zu entwickeln, die sich in einer Modellistik niederschlagen sollte. Ein Farbplan hätte jede weitere Entwicklungsmöglichkeit unterbunden und ich fand ein "work in progress" als die einzige wirkliche Lösung. Die Anstreicher und Dekorateure waren begeistert und Fortbildungskurse, die Material wie perzeptive Phänome zum Inhalt haben sollte, sollten ihnen ein neues Selbstverständnis ihrer kreativen Professionalität geben. Absicht war, diese Farbberatung allmählich, nachdem die Instrumente geschaffen waren, in die Stadtverwaltung zu integrieren. Damit dies möglich werden könnte, entwickelte ich ein Schema für alle Bauformen. Im Jahre 82/83 wurden 600 Bauten gefärbt und registriert. Die Gebäude streuten sich durch alle Stilrichtungen, bis zu den 60er Jahren. 1981/82 erstellte ich eine Farbnormung des öffentlichen Verkehrsbetriebes der Stadt.1983 veröffentlichte die Stadt Turin gemeinsam mit dem Mailänder Verlag Hoepli mein Buch "Luce-Colore", das auf die Turiner Arbeiten bezugnimmt.
In diesen Jahren stellte sich heraus, daß ohne Kreativität keine befriedigenden Resultate erzielbar waren. Ich las dem Gemeinderat Heinrich Heines "Harzreise" (1824) vor, die mit der Beschreibung der Stadt Göttingen beginnt: Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover undenthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt »die Leine« und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen Orten so breit daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen und war schon vollsfflndig eingerichtet mit Schnutren, Pudeln, Dissertationen, Thedansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Völkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückgelassen, und davon stammten alle die Wandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen, Thüringer usw., die noch heutzutage in Göttingen, hordenweis und geschieden durch Farben der Mützen und der Pfeifenquäste, über die Weenderstraße einherziehen, auf den blutigen Walstätten der Rasenmühle, des Ritschenkruges und Bovdens sich ewig untereinander herumschlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit der Völkerwanderung dahinleben.
Es war noch sehr früh, als ich Göttingen verlie.ß, und der Gelehrte lag gewiß noch im Bette und träumte wie gewöhnlich; er wandle in einem schönen Garten, auf dessen Beeten lauter weiße, mit Zitaten beschriebene Papierchen wachsen, die im Sonnenlichte lieblich glänzen, und von denen er hier und da mehrere pflückt und mühsam in ein neues Beet verpflanzt, während die Nachtigallen mit ihren süßesten Tönen sein altes Herz erfreuen. Vor dem Weender Tore begegneten mir zwei eingeborne kleine Schulknaben, wovon der eine zum andern sagte: »Mit dem Theodor will ich gar nicht mehr umgehen, er ist ein Lumpenkerl, denn gestern wußte er nicht mal, wie der Genitiv von Mensa heißt.« So unbedeutend diese Worte klingen, so mu.ß ich sie doch wiedererzählen, ja, ich möchte sie als Stadt-Motto gleich auf das Tor schreiben lassen; denn die Jungen piepsen, wie die Alten pfeifen, und jene Worte bezeichnen ganz den engen, trocknen Notizenstolz der hochgelehrten Georgia Augusta.
Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Vögel sangen gar freudig, und auch mir wurde allmählich wieder frisch und freudig zumute. Das Turiner akademischer Ambiente wurde immer mehr mit statistischer Datensammlung beschäftigt, kreative Kräfte holte man aus Mailand herbei.
Castiglioni und Cvaglia begannen, sich mit der Straßenbeleuchtung, Sotsass und Zanini mit den öffentlichen Bedürfnisanstalten und den Zeitungskiosken zu beschäftigen. So entstand in Turin das, was in Italien als "arredo urbano" Furore zu machen begann. Tagungen fanden statt, Lehrkanzeln wurden eingerichtet. Höhepunkt war wohl der internationale "arredo-urbano-street-furniture" Kongreß in Stresa 1983 am Lago Maggiore. Es war auch dieser Kongreß, der dem Urheber dieser Welle den Kopf kosten sollte. Vizebürgermeister Enzo Biffi Gentili (PSI) wurde mit diesen Aktionen, die anfänglich auf Widerstand stießen, zu populär. Es gelang ihm, Vertreter anderer Parteien und der Industrie für seine Projekte zu begeistern, und so entstanden überparteiliche Freundschaften, deren Potenz den Parteiapparaten suspekt wurde. Eine Bombe wurde gesucht, gefunden und zum platzen gebracht, um diese "superlobby" zu stürzen. Fast ein Jahr ist nun vergangen, Mißtrauen ist in die Stadt eingezogen und sie vergilbt aufs Neue. Moral von der Geschichte: "software", wie alles Geistige, kostet wenig, hat die lebendige Schönheit von Seifenblasen, aber mit ihnen auch die Verletztlichkeit gemeinsam. Der auf die Pyramide fallende Schatten des darüberziehenden Ibisses ist nicht von Dauer.