Eine Stadt ins rechte Licht gerükt

Jorrit Tornquist Eine Stadt ins rechte Licht gerükt Kleine Zeitung 14 Aprile 1979

79/01.15 Kleine Zeitung -DE

Die Stadt als künstliche Landschaft kann kein natürliches, sondern nur ein organisches, ihr spezifisches Wachstum widerspiegelndes Gesicht haben. In der Natur wird alles als richtig und harmonisch empfunden, da ja die Entwicklung der Wahrnehmungsgesetze wie der Sinne selbst auf eine und nicht andere Weise Folge ständigen Zwanges zum Überleben in ihr sind. Daß sich an die Reize Empfindungen angenehmer wie unangenehmer Natur banden, ist das, was wir heute Ästhetik nennen. Diese Grundregeln der Asthetik, direkt verkettet mit der Wahrnehmung, erfuhren trotz sich ständig wandelndem Weltbild keine wesentlichen Veränderungen. Die Stadt als Wohnstatt wuchs In ständiger Abfolge jeweils verschiedener, wenn auch immer spezifischer, Notwendigkeiten und ständig wechselnder SelbstInterpretation. Jedes Gebäude ist Zeuge eines ganz bestimmten Augenblickes in ihrer Zeit. Das Sichlösen, besser "Lösenwollen", von einer historischen Kontinui-tät führte zur Einfarbigkeit, Aus-druck von Entscheidungsangst und Ablehnung von Verantwor-tung dein Kollektiv gegenüber. Noch geeigneter, die Eigenart eines Gebäudes zu zerstören, ist Befreskung, meist Greuel- schmuck allzu persönlicher und zeitgebundener Mischung aus Ei-telkeit, Gläubigkeit, Zornigkeit. Eine Zeit nach dein .Brechen mit Vergangenheit" muß wieder suchen, geschichtliche Zusam-menhänge, wenn auch unter geänderter Beleuchtung, zu ver-tehen. Dies ist kein Rückschritt, da es züi einem und folglich zur besseren Lösung er heutigen Probleme führt. Ein Schritt in die Zukunft, enthalten chon im Heute, und das Heute mit dem Gestern vergleichend wird sichtbar. Stellen wir uns eine Stadt vor, eine Abfolge von Räumen und Gedanken, leicht lesbar, da sie in richtiger, dein geistigen und raumlichen Wachstum Ordnung stehen; ich glaube, daß dies zu neuem Selbstverständnis und so- mit auch zu einer Verantwortung des zu seiner Stadt führen müßte und so zu einem Sich-in-ihr-beheimatet-Fühlen.
Natürlich ist dies nicht allein mit Farbe zu verwirklichen, wenn auch weit mehr, als allgemein an-genommen, aber abgesehen davon führt wohl jeder Versuch einer Rehumanisierung des eigenen Ambientes zur Neuinterpretation der spezifischen Moinente der Stadt zur Gegenwart und so zu weiteren Reflexionen in allen Ge-bieten. Bevor ich die Notwendig- keiten und Möglichkeiten der Farbanwendung zu untersuchen beginne, möchte ich bemerken, daß Farbe Psyche wie Körper sehr wesentlich beeinflußt. Es genügt wohl, sich vorzustellen, es sich uni eine auf uns ständig ein- dringende Strahlung handelt, nicht nur das Auge, sondern der ganze Organismus ausgesetzt ist. Farbe ist Licht, ein reflektierter Teil des auf sie projizierten spektrums. Es wäre zu beobachten, wie die Schatten fallen und verlaufen, soNvohl des Tages wie des Nachts bei künstlicher Ausleuchtung. Ferner beleuchtete Flächen strahlen Licht auf andere Fassadenteile (eine Erscheinung, die ja jeder der in einer Stadt wohnt, kennt). Mit der Feststellung, wie sich Licht projiziert und Schatten fallen, kommen wir zur Wahrnehmung:
-Form ist Die verschiedene Ausleuchtung der Teile läßt uns den Körper erkennen.
-Licht und Schatten sind verschiedene Farbtöne und deshalb als solche lesbar. Dies erklärt auch die Tatsache, daß die Form eine sekundäre Erfahrung ist, denn um als solche erkannt zu werden, muß die farbige Erscheinung analysiert und interpretiert werden. Diese Notwendigkeit eines intellektuellen Prozesses erklärt die einfachere Bestimmung, da Merkfähigkeit, der Form. Schon die sprachlichen Bezeichnungen wie "gute Form", "Stilform", "Umgangsforrn" machen deutlich, daß fast alles der Form untergeordnet ist. Die Farbanwendung war eher symbolischer Natur, wenn auch nicht ohne psychischer Einflußnahme. Die Bedeutung der Farbe auf das Befinden wurden, im wesentlichen, nicht berücksichtigt.
Die Anwendung dieses alten Wissens, noch nie bei Körpern angewandt (ich bin meines Wissens der einzige), dies zu nützen, macht es möglich, Volumen entscheidend zu verändern und die Farbauswahl so zu treffen, daß sie der Veränderung der Farbtöne, bei verschiedener Ausleuchtung Rechnung trägt. Eine Farbharmonie, an Körpern angewandt, muß alle möglichen Veränderungen der Farbe in Betracht ziehen, hervorgerufen durch das Wandern der Sonne wie der Veränderung, des LichtsPektrums bei natürlicher wie künstlicher Beleuchtung. Aus dem oben Gesagten ergibt sich die Möglichkeit, ein Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht zu rücken, ohne Licht, eine Harmonie zu eutwickeln, die sich ständig wandelt und verwandelt, jede die Sonne weiterrückt. Sprechen wir über Harmonie als natürliche Ordnung von Reizen, die ein biologisches Wohlbefinden zur Folge hat. Stellen wir uns vor, wir haben ständig einen disharmonischen Klang in den Ohren. Bald hören wir auf, ihn zu hören, der Angriff aber auf unser psychisches Gleichgewicht bleibt. Dasselbe geschieht uns mit farbiger Disharmonie!